22. Juli   6 Min. Lesezeit

Abfluss

Der Abfluss von meinem Handwaschbecken im Badezimmer ist seit ein paar Tagen verstopft. Wenn ich die Hände wasche, ist das Becken bis zum Rand gefüllt. Stockend hinterlässt das ablaufende Wasser seine Spuren. Bemerkenswert, wie viel Dreck der Abfluss täglich schlucken muss, den Schmutz von tausend Händen, der in das Dunkel fließt und im Nichts versickert. Ohne Kummer und ohne Scham. Nach vielen unbeschwert gluckernden Stunden hatte er keine Lust mehr und schnürte sich den schlanken Hals zu. Immer, wenn ich das Bad betrete, verpönt er mich. Er hält mir das trübe Emaille-Becken ins Gesicht, wie eine Verlängerung seines unscheinbaren Seins. „Du hast es so weit kommen lassen, deine Rückstände haben mich blockiert“, wirft er mir vor. Wenn Besuch da ist, benutzen sie das Bad. „Dein Abfluss ist verstopft!“, teilen sie mir mit, als wäre ich fremd in der Wohnung oder als würde ich mir nie die Hände waschen und meine Zähne putze ich über der Spüle in der Küche. Mit errötenden Wangen erwidere ich eine unbekümmerte Bemerkung und höre mir nützliche Tipps an. „Das hat bei dir geholfen? Ich probiere es morgen gleich aus!“ Verzweifelt blicke ich auf das trübe Wasser, kein Hausmittel und auch kein Wundermittel hilft. Was nun? Ein wenig Ignoranz halte ich noch aus, nicht hinsehen, dann können wir uns schon arrangieren. Am besten, ich lasse auch niemanden in die Wohnung, dann kann ich die Verstopfung vor den Anderen vertuschen. Der Abfluss gurgelt und ich lasse mich treiben.